Hatte das Urteil vom US Supreme Court und die daraufhin verschärfte Tonart des US-Präsidenten keine nachhaltigen Effekte für die Aktienmärkte zur Folge und zeigten sich die Aktienmärkte im Umfeld des geopolitischen Säbelrasselns noch weitgehend widerstandsfähig, so änderte sich dies mit dem Beginn der Eskalation am 28. Februar im Nahen Osten schlagartig.
Die Stimmung der Marktteilnehmer kippte, das Risiko wurde gemieden, Gewinne am Aktienmarkt realisiert. Der DAX fiel von Niveaus um 25.200 Punkte bis auf rund 23.600 Zähler. Solange ein regionaler Flächenbrand und eine längere Blockade der Straße von Hormus ausbleiben, dürften sich die Auswirkungen in Grenzen halten. In diesem Fall wäre der Konflikt vergleichbar mit dem zwölftägigen Krieg im Juni 2025, der die Märkte ebenfalls nur vorübergehend belastete.
Trotz dieses Störfeuers und der momentanen Risikoscheu ist die Bedeutung der Dividendentitel zum privaten Vermögensaufbau nicht zu unterschätzen. Denn in der anstehenden Dividendensaison 2026 dürften die DAX-Unternehmen insgesamt 55 Mrd. Euro ausschütten, das sind etwa 5% mehr als im vergangenen Jahr. Ungeachtet der Querelen rund um die Zollpolitik und entgegen der Stimmungslage beteiligen die deutschen Titel aus der Automobilbranche ihre Anteilseigner mit der höchsten Summe. Mit gut 14 Mrd. Euro schütten die Mitglieder dieses Sektors fast ein Viertel der Gesamtsumme aller DAX- und MDAX-Mitglieder aus. Ihr Anteil lag im letzten Jahr allerdings noch bei knapp 30%. Ein gewisser (erneuter) Schrumpfungsprozess ist also zumindest im relativen Vergleich nicht von der Hand zu weisen. Hinter den Automobilwerten folgen mit 18% die Industrieaktien. Die Summe aller Dividenden dieser Branche beträgt etwa 11,5 Mrd. Euro. Wie bereits im letzten Jahr verweist sie die Versicherungen damit auf den Bronzerang. Sehr positiv fällt zudem der Blick auf die erwarteten Ausschüttungen für die nächste Saison aus. Momentanen Schätzungen zufolge wird den DAX-Werten ein Anstieg von 55 Mrd. auf knapp 61 Mrd. Euro zugebilligt, was einer Steigerung um etwa 10% gleichkäme.
Trotz dieses volatilen Starts stehen die fundamentalen Rahmenbedingungen für steigende Kurse gut. Das Ende der restriktiven US-Geldpolitik sorgt für Planungssicherheit, während fiskalische Anreize in den USA (OBBA-Programm) und Europa (Verteidigung, Infrastruktur) die Nachfrage stützen. In Europa sollte die Lage im Finanzsektor stabil bleiben. Energie- und Versorgungsunternehmen profitieren von Investitionen in Energiesicherheit und Netzinfrastruktur. Zudem erhalten Unternehmen der Rüstungsindustrie Auftrieb durch mehrjährige europäische Beschaffungsprogramme. Aus Sicht der deutschen Indizes werden die positiven globalen Vorgaben und die öffentlichen Investitionen in die Verteidigungsfähigkeit durch ein Infrastrukturpaket mit erheblichem Finanzierungsrahmen ergänzt.
Die jüngste Berichtssaison der führenden Technologieunternehmen hat jedoch zu einer merklichen Nervosität am Markt geführt. Obwohl die vorgelegten Ergebnisse fundamental solide waren, reichten sie nicht aus, um die extrem hohen Erwartungen zu übertreffen, die in den Bewertungen bereits eingepreist waren. Die gleichzeitige Ankündigung weiter steigender Investitionen in die KI-Infrastruktur warf zudem Fragen zur künftigen Rentabilität auf und entfachte eine Debatte über einen möglichen „Rotation Trade“ – eine Umschichtung aus dem Tech-Sektor in andere Branchen.
Eine detailliertere Analyse der Marktdaten stützt diese These jedoch nur bedingt. So verzeichnete die Gruppe der prominentesten Tech-Werte (die „Magnificent 7”) seit Jahresbeginn bis zur Eskalation im Nahen Osten am 28. Februar leichte Verluste, im gesamten Tech Sektor des S&P 500 beliefen sich die Abschläge hingegen lediglich auf 3,5%, und beim Nasdaq lag das Minus bei gerade einmal 1%. Dies deutet weniger auf eine breite Kapitalflucht aus der Technologiebranche als vielmehr auf eine Konsolidierung auf einem sehr hohen Niveau hin. Der Markt scheint nach der außergewöhnlichen Rally der Vormonate eine Atempause einzulegen.
Die fundamentale Begründung für diese Marktbewegung liegt in einer unterstellten Veränderung der Gewinndynamik. So könnte sich die Schere beim Gewinnwachstum (EPS) zwischen den „Glorreichen Sieben“ und den übrigen Unternehmen im S&P 500 nach und nach schließen. Diese Entwicklung würde den bereits laufenden Übergang des KI-Superzyklus in eine neue Phase bringen. Die bisherige außergewöhnliche Outperformance der wichtigsten Tech-Unternehmen spiegelt eine frühe Phase der KI-Fantasie wider. In dieser Anfangsphase bündelten sich Kapital, Rechenleistung und technologische Führungspositionen bei wenigen großen Tech-Unternehmen. Dies führte zu einem enormen Vorsprung beim Gewinnwachstum und rechtfertigte lange Zeit deren hohe Bewertungen im Vergleich zum restlichen Markt.
Richtig ist, dass sich der KI-Superzyklus entlang der gesamten Wertschöpfungskette mit fortschreitender Diffusion der KI-Anwendungen auszubreiten beginnt und immer mehr Unternehmen außerhalb des Tech-Kerns hiervon profitieren. Sie implementieren KI, um ihre Effizienz zu steigern, neue Produkte zu entwickeln und ihre Profitabilität zu verbessern. Diese Entwicklung war bereits im vergangenen Jahr erkennbar und dürfte sich im Jahr 2026 beschleunigen. Die Konvergenz der Gewinnaussichten stützt die Attraktivität anderer Branchen. Der massive Ausbau von Rechenzentren erzeugt eine hohe Nachfrage bei Zulieferern für Halbleiter, Stromversorgung, Kühlung und Netzwerkausrüstung. Unternehmen aus diversen Branchen beginnen, KI-Anwendungen und -Software zur Steigerung der eigenen Effizienz und Produktivität zu integrieren.