Die wichtigsten europäischen Aktienindizes haben im August neue Rekorde erzielt. Einen wichtigen Impuls lieferte die Geopolitik. So haben sich bis Mitte August Hoffnungen am Markt gehalten, die USA und der Iran könnten ihre 60-tägige Waffenruhe verlängern. Der DAX stieg zeitweise im Hoch auf über 26.500 Punkte.
Hinzu kommt die Berichtssaison zum zweiten Quartal, die in den USA und Europa besser verlief als erwartet. In den USA übertraf ein ungewöhnlich hoher Anteil der Unternehmen die Gewinnerwartungen der Analysten, und die Ausblicke fielen zuversichtlicher aus als im Frühjahr. In Europa basierte das ausgewiesene Gewinnwachstum noch zu einem erheblichen Teil auf dem Energiesektor. Inzwischen erhöhen die Analysten jedoch auch ihre Schätzungen für zyklische Branchen wie die Chemie- und die Automobilindustrie.
Auch die Zinserwartungen gaben einen wichtigen Impuls. Die stark gestiegenen Energiepreise Mitte Juli führten zu steigenden Inflationserwartungen und trieben die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen zeitweise auf den höchsten Stand seit mehr als einem Jahr. Mit dem fallenden Ölpreis sind die Sorgen vor weiteren Leitzinserhöhungen zurückgegangen und die Zehnjahresrenditen hatten sich von ihren Höchstständen gelöst. Da die Waffenruhe aber nicht verlängert wurde und die Ölpreise wieder gestiegen sind, kletterten auch dieAnleiherenditen auf neue Jahreshochs. Infolgedessen konsolidierte der DAX.
Neben den hier genannten Faktoren profitierte der DAX auch von seinerZusammensetzung. Die Technologiewerte in den USA und Asien haben sich bis Mitte August deutlich erholt. Die zurückhaltenden Kursreaktionen auf zum Teil sehr gute Quartalszahlen zeigen jedoch, dass Anleger die hohen Bewertungen im Halbleitersektor zunehmend hinterfragen. Da der DAX Schwerpunkte in den Bereichen Industrie, Finanzen und zyklischer Konsum hat, ist er von dieser KI-Bewertungsdebatte teilweise entkoppelt. Zugleich profitiert er über Industriewerte selektiv vom globalen Investitionszyklus in Rechenzentren.
Hier ist jedoch eine Einschränkung angebracht: Die These vom technologiearmen DAX greift zu kurz. Der am stärksten gewichtete Indexwert stammtaus dem Softwarebereich und hat seit Anfang Juli deutlich zugelegt. Ein großerTeil des DAX-Anstiegs ist auf diesen Titel zurückzuführen. In Bezug auf die globale Technologiedebatte ist der deutsche Leitindex also weniger unabhängig,als es seine Sektorstruktur auf den ersten Blick vermuten lässt. Diese Verbindung zeigt sich vor allem über die Zulieferschiene: Viele deutsche Industrie-und Nischenunternehmen agieren als Zulieferer für die globale Tech-Infrastruktur. Sie profitieren direkt vom laufenden Investitionszyklus, sind jedoch nicht in gleichem Maße den starken Bewertungsschwankungen der großen Tech-Konzerne ausgesetzt.
Seit Jahresbeginn zeigen die Aktienmärkte eine positive Dynamik: Der S&P 500 verzeichnet ein Plus von knapp 13,8%. An diesem freundlichen Grundtrend der globalen Aktienmärkte dürfte sich bis zum Jahresende wenig ändern. Die Unternehmensgewinne wachsen kräftig genug, um die Kurse weiter zu tragen.
Die jüngste Berichtssaison zum zweiten Quartal liefert nach unserer Ansicht. fundamentale Belege für diese Einschätzung. In den USA übertrafen mehr als 80% der Aktiengesellschaften die Analystenschätzungen, was die höchste Quote seit fünf Jahren darstellt. Selbst um Sondereffekte bereinigt stiegen die Nettoerträge im S&P 500 im Vorjahresvergleich um gut 30%.
Die Kurskorrektur, insbesondere im Technologie- und Halbleitersektor, im Juli stellte eine wichtige Bewährungsprobe dar. In den vergangenen Monaten hatte sich die Dynamik von den großen Plattformkonzernen hin zur vorgelagerten Zulieferindustrie verschoben. So verzeichnete der Philadelphia Semiconductor Index im Juni seit Jahresanfang ein Plus von rund 74%. Der südkoreanische Kospi-Index, der maßgeblich von Herstellern hochentwickelter Speicherchips geprägt ist, wies sogar Zuwächse von über 100% im Vergleich zum Jahresanfang auf.
Die hohe Nachfrage nach Speicherchips geht auf den massiven Investitionszyklus der großen Cloud-Anbieter zurück. Deren immense Ausgaben für Rechenzentren lösen volumenstarke Bestellungen bei den Chipherstellern aus. Das treibt die Nachfrage nach hochentwickelten Speicherchips auf ein Rekordniveau. Im Juli wurde diese enge Verflechtung jedoch zum Risikofaktor. Am Markt kamen zunehmend Zweifel auf, ob diese Kapazitäten zeitnah eine adäquate Rendite erwirtschaften können. Sobald diese Rentabilitätsbedenken aufkamen, erfasste die Verunsicherung die gesamte Wertschöpfungskette. Nach der außergewöhnlichen Rally kam es zu einer spürbaren Konso-lidierung, bei der zahlreiche Titel aus den Bereichen KI, Halbleiter und Cloud-Infrastruktur zweistellige Kursverluste verbuchten.
Die Berichtssaison hat diese Debatte wieder entschärft. Die großen Plattformkonzerne, insbesondere die führenden Cloud-Betreiber, konnten im Rahmen ihrer Berichterstattung zum zweiten Quartal belegen, dass ihren hohen Investitionen bereits spürbare Umsatz- und Ertragszuwächse gegenüberstehen. Vor diesem Hintergrund hat sich der Bewertungsfokus verschoben. Der Markt belohnt also nicht mehr die bloßen Investitionssummen, sondern fordert den Nachweis von Erlösen. Durch diese Differenzierung werden spekulative Übertreibungen reduziert, da die Bewertungen im Technologiesektor wieder enger an die tatsächliche Ertragskraft gekoppelt sind.